Kino muss heute mehr sein als ein Abspielort
Pressemitteilung vom 16.09.2026
Ob ein Film im Kino gesehen wird, ist eine bewusste Abwägung, die in der heutigen, digitalen Zeit komplexer geworden ist. Das zeigt eine mehrstufige qualitative Untersuchung der Filmförderungsanstalt FFA, die am Nachmittag auf der Filmkunstmesse 2026 vorgestellt wurde. Grundlage sind 77 Interviews mit Kinobesucher*innen, Nicht-Kinobesucher*innen und Fachleuten in Deutschland und Frankreich.
„Wenn früher ein Film im Kino lief, den man gerne sehen wollte, war der Kinobesuch einfach naheliegend“, erläuterte Norina Lin-Hi, bei der FFA Leiterin Strategie und Analyse. „In einer Welt mit unbegrenzten Inhalten und Videoformaten muss ein Film heute zunächst die Sichtbarkeit erzeugen und darüber hinaus als ‚kinowürdig‘ bewertet werden.“ Entscheidend sind Bild- und Tonwirkung, gesellschaftliche Relevanz, bekannte Mitwirkende und Stars sowie Fanbindung und Nostalgie.
Doch Kino ist mehr als nur ein Abspielort für Filme. „Vor allem von Kinobesucher*innen können wir lernen, dass das Kinoticket als Anker für ein gemeinsames Erlebnis dienen kann. Das Potenzial liegt darin, den Kinobesuch mit seinem Mehrwert über den Film hinaus sichtbar zu machen“, so Norina Lin-Hi weiter.
Programmkinos haben besondere Stärken. Ihre Kuration bietet Orientierung, kleinere Säle schaffen Nähe und Veranstaltungen machen das Haus zum kulturellen Treffpunkt. 45 Prozent des Programmkino-Publikums nennen die Filmauswahl als Grund für die Wahl des Kinos; bei Nicht-Programmkinos sind es 22 Prozent. 2025 verkauften Programmkinos 13,7 Millionen Tickets, fünf Prozent mehr als im Vorjahr. Ihre Reichweite stieg auf 3,6 Millionen Menschen.
Ein weiterer Fokus der Studie lag in der Wahrnehmung des deutschen Films. Dieser wird zwar als vertraut, aber auch als wenig überraschend wahrgenommen. „Kritisiert werden eine große Nähe zum Fernsehen, wenig visuelle Überraschung und häufig dieselben bekannten Gesichter“, erläuterte FFA-Marktforscherin Susanne Aleixo. Dagegen können „lokale Themen, deutscher Humor sowie historische und regionale Bezüge Nähe und Identifikation schaffen“. Im Vergleich zum US-Film beschreiben Kino- und Nicht-Kinobesucher*innen den deutschen Film als weniger kinowürdig.
Gleichzeitig weist der deutsche Marktanteil seit 2001 eine positive Entwicklung auf: 2025 lag er bei 27 Prozent. Was zunächst wie ein Widerspruch von Wahrnehmung und Markterfolg wirkt, lässt sich unter anderem durch die Erinnerung an die sichtbarsten Filme der letzten Jahrzehnte erklären.
Die Bedeutung deutscher Filme ist vor allem für die Programmkinos ersichtlich. Im ersten Halbjahr 2026 entfielen rund 38 Prozent ihrer Tickets auf deutsche Produktionen, bei den anderen Kinos waren es dagegen nur rund 25 Prozent. „Deutsche Filme und Programmkinos stärken sich gegenseitig. Deutsche Produktionen stärken das Profil der Programmkinos, Programmkinos wiederum geben deutschen Filmen überdurchschnittlich viel Raum und Sichtbarkeit und schaffen durch Kuration, Einordnung und das Kinoerlebnis zusätzlichen Mehrwert“, so Susanne Aleixo.
Zum Download: Die Präsentation Vom Film zum Kinoerlebnis – Besuchsmotive und die Wahrnehmung lokaler Produktionen von Norina Lin-Hi und Susanne Aleixo